Startseite
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


Webnews



http://myblog.de/sportlehrerin

Gratis bloggen bei
myblog.de





26. Enormer Papierverbrauch

Hurra, wir haben eine Aufgabe bekommen! Ich mit zwei Kollegen sollen ein paar Nummern ausdrucken, um diese auf den zwölf Schrankfächern aufzukleben, die sich in unserem Raum befinden. Des Weiteren sollen wir noch Anhänger mit Nummern für die dazugehörigen Schlüsseln basteln. Wir sind voller Tatendrang. Wir warten zwei Stunden bis der einzige Rechner der heute funktioniert frei ist. Albert drängt sich die Zahlen zu schreiben. Fertig! Jetzt stellen wir gemeinsam fest, dass das Papierfach im Drucker wie immer leer ist. Ja, einer muss betteln gehen. Keiner macht das gerne. Die Wahl fällt auf mich. Ich versuche mich, meistens mit Erfolg, vor solchen Aufgaben zu drücken, merke aber schnell, dass es jetzt nicht so leicht sein wird. Schwermütig muss ich die Aufgabe annehmen. Ich schleppe mich durch die lange Baracke, am Kleinlaster vorbei, auf den gerade Sperrmüll geladen wird und klopfe vorsichtig an die Tür unserer „Prinzessin“. Ich darf rein. Ich erläutere schüchtern den Grund meines Erscheinens. „Gehen sie. Ich komme sofort zu ihnen“, sie spricht ohne mich anzugucken und ohne die Lektüre eines Zettels zu unterbrechen. Ich mache mich auf den Weg zurück. Im Raum angekommen warte ich gemeinsam mit meinen Kollegen noch weitere 90 Minuten. Endlich kommt sie rein. „Ich möchte ihnen mitteilen, dass der Verbrauch von Papier in dieser Gruppe ernorm hoch ist. In den letzten drei Monaten habe ich 500 Blätter ausgegeben, 500 Blätter!“ Anfangs herrscht totale Stille, danach wird’s immer lauter, viele versuchen sich zu rechtfertigen, viele versuchen die Schuld auf jemanden anderen zu schieben. „Mein Gott, ist das nicht lustig!“, innerlich muss ich wirklich lachen. Wir bekommen fünf Blätter und die unangenehme Geschichte ist erledigt. Albert kann die Zahlen ausdrucken. Ups, wir haben kein Klebeband, keine Schere, keinen Locher. „Jetzt gehst du selber zu ihr!“, verteidige ich mich. Albert schleicht sich aus dem Zimmer raus. Bald kommt er wieder „Wir sollen warten!“. Wir besetzen den Computer, unsere Aufgabe längst vergessen.

Ich spiele gerade „SameGame“ als die Aufseherin kommt. Weil ich gerade am Rechner saß richtete sie sich zu mir: „Schreiben sie bitte eine Liste mit allen Materialien, die sie brauchen und gehen sie bitte mit der Liste in das andere Haus. Da ist ein Raum wo „Materialausgabe“ dransteht. Holen sie sich da ihre Sachen.“. Ich öffne sehr selbstbewusst ein Word Dokument –es gibt hier keine Alternative zu Microsoft. “Was?! Wollen sie das in Word schreiben! Kennen sie sich nicht mit Excel aus?“, sie schaut mich mitleidig an. „Nein…“, ich mach mich ganz doof. Meine Erfahrungen in dieser Firma haben mich gelehrt, dass man so viel weiter kommt „Macht nichts, wir sind doch hier dazu da, um etwas zu lernen. Ich werde ihnen ganz langsam alles erklären“, mütterlich macht sie sich ans Werk. Ich stelle sofort fest: Sie hat keine Ahnung von Excel.

10.2.07 21:37


25. Wird das Projekt verlängert?

Heute kommt jemand vom Arbeitsamt, der feststellen soll, ob unser Projekt verlängerungswürdig ist. Die Aufseherin ist aufgeregt, es steht ihr bequemer Arbeitsplatz auf dem Spiel. Den meisten von uns ist es ziemlich egal, ob es verlängert wird oder nicht. Manchmal kann man diese Sitzerei einfach nicht mehr aushalten. Einfach nur sitzen! Immer mehr lassen sich krankschreiben, zur Freude der Krankenkassen! Ich will, dass mein Vertrag verlängert wird. So leicht kommt man nirgendwo sonst an die paar Euro. Man kann auch viele Hausarbeiten hierher verlegen: Dokumente ordnen, Briefe schreiben, den Behörden antworten, Formulare ausfüllen, stricken, sticken, häkeln, lesen, Rätsel lösen oder Tagebücher ins Blog schreiben. Es gibt sogar eine Mutter, die hier die Hausaufgaben ihres Kindes erledigt!

Unsere Aufseherin kommt gerade herein und fängt an, unseren Raum aufzuräumen. Wir tauschen verwunderte Blicke aus. Sie versucht auch uns dazu zu motivieren. Guido holt den Staubsauger, ein uraltes Ding, das nicht mehr saugen kann. Bestimmt gehörte es einer alten Damme, deren Nachlass hier entsorgt wurde.

Zum Reden mit dem Arbeitsamtmenschen wurde Andrea ausgewählt. Sie war früher Versicherungsvertreterin und kann wirklich Rauch verkaufen. Sie selber will unbedingt ihren Vertrag verlängert bekommen. Ihr Mann hat sich selbstständig gemacht und sie befürchtet, dass sie sich schon bald mit Harz IV verabschieden muss. Mit dem verlängerten ABM Vertrag könnte sie ihren Mann wenigstens anfänglich bei ihrer Krankenkasse unterbringen. So spart sie viel Geld, sie wird kämpfen, was die Aufseherin weiß. Zwei Stunden später ist es so weit: Eine junge Frau betritt unseren Raum und stellt sich als jemand vom Jobcenter vor. Es sind nirgendwo arbeitsfremde Sachen zu sehen. Nur Zettel, Stifte, und Fachbücher, die, die Aufseherin organisiert hat. Sie zeigt der jungen Frau einen freien Stuhl, neben Andrea, die sich sofort ans Zeug macht. Sie begrüßt die fremde Frau nett, lächelt süß, und bedankt sich bei ihr, dass wir die Möglichkeit bekommen haben, uns beruflich weiter zu entfalten. Die Frau erklärt uns den Ziel ihres Besuches. Sie möchte die Arbeitsbedingungen prüfen und sich erkunden, wie weit unsere Arbeit der Gesellschaft nutzt. Bis jetzt hat sie nur erfreuliches festgestellt. Die Leute haben es warm, sauber und sind hochmotiviert. Unsere Sanitäranlagen haben es ihr angetan. „Hoppla!“, denke ich „Tun schon alle in diesem Land so, als ob, oder haben die hier noch versteckte Toilleten, die nur den Kontrolleuren gezeigt werden?“ Von Anfang an erinnert mich hier alles an „Kaisers neue Kleider“. Unsere Prüferin ist so begeistert, dass sie mit Sicherheit gerne ihren tollen Job schmeißen würde, um hier anzufangen!

Jetzt kommt Andrea’s große Stunde: Sie stellt unsere Arbeit vor. Sie erzählt und erzählt und erzählt. Mit großen Worten erklärt sie unser Tun, zeigt dessen Vorteile für die Gesellschaft. Bei den vernachlässigten Kindern angekommen, blinzeln zwei kleine Tränen in ihren Augen. In meinen auch! Ich stehe kurz vor einem Lachkrampf und senke mein Gesicht immer tiefer und tiefer, damit die gute Frau es nicht merkt. Die Aufseherin hat es aber schnell registriert: „Frau …, gehen sie bitte ins Büro und holen die Berichte vom letzten Monat. Sie wissen wo diese liegen.“ Ich habe es verstanden und verlasse eilig den Raum, verkrieche mich in einer Ecke und warte, bis der Gast unseren Raum verlässt. Das Büro ist sowieso zu. Unsere Aufseherin trägt den Schlüssel immer bei sich. Nach 45 Minuten ist es so weit: Ich darf zurück. Ich trotte mit fragenden Miene in unseren Raum hinein. „Das hier wird um mindestens zehn Jahre verlängert!“, Katharina stillt meine Neugier. „Ja, ich weiß, Andrea hat Talent.“

Zur Feier des Tages dürfen wir auf Recherche gehen.

17.2.07 11:45


24. Recherchezettel: Nach Hause ohne Krankschreibung

Unsere Truppe ist noch dezimiert, die Stimmung aber ist viel besser geworden. Unsere Aufseherin kommt mit einem Stapel Papierblätter herein: “Ich habe hier Recherchezettel ausgedruckt.“, „Geht doch!“ denke ich. Bis zur Mittagszeit traut sich keiner zu gehen. Zu stark sind wir an das Sitzen gewöhnt. Um eins kommt sie wieder: “Die Recherchezettel liegen hier im Regal“ Die ersten stehen auf.

10.2.07 21:37


23. Steuergelderverschwendung mit System

Nein, ich bin noch nicht krank geworden! Ich warte noch ab. Im unserem Gefängnis ist es jetzt wesentlich angenehmer geworden. Nur etwa 20 Prozent sind noch gesund! Wir haben mehr Freiraum. Es atmet sich leichter, es ist endlich nicht mehr so stickig.

Jetzt muss sich was ändern, glaube ich. Die Firma will doch nicht mit hohen Krankheitsstatistiken glänzen! Das macht sich nicht gut! Nun komme ich wegen der vielen Recherchen ins Grübeln. Es steckt doch ein System dahinter! Wenn die Leute ständig recherchieren dürfen, bleiben sie gesund und die Statistiken sind berauschend!!!

Am Ende des Tages kommt “sie“ herein und verkündet, dass wir ab Montag wieder in unser alten Raum gehen dürfen.

10.2.07 21:36


22. Erbsen oder Bohnen

Heute soll ein ganz wichtiger Mann aus der Zentrale kommen. Er soll uns verschiedene Qualifikationsangebote machen, falls unser Vertrag hier verlängert werden sollte.

Ein richtiger „Tschaka“ – Typ! „Hallo, ich bin da und ich werde euch allen helfen! Keiner sagt mir bitte er habe keine Chance! Ich stehe wahrhaftig vor ihnen und ich habe Arbeit! Ich bin über fünfzig und trotzdem hat man mir hier in dieser Firma einen Arbeitsplatz gegeben! Nein, nein - es ist keine ABM, wie ihr vielleicht jetzt denkt! Es ist eine richtige Arbeit!“ Vor lauter Begeisterung tanzt er beinahe auf dem einzigen freien Plätzchen direkt vor der Tür.

„Hoffentlich will keiner jetzt hier rein“, denke ich. In diesem Augenblick hat er einen kräftigen Stoss in den Arm bekommen. Unsere Aufseherin schreckt zurück, kommt aber – jetzt vorsichtig- doch noch rein. „Heute ist euer großer Tag“, wirft sie herein ohne sich vor dem Mann zu entschuldigen. „Der gute Herr will euch helfen!“, sie lächelt ihn liebevoll an.

Der Mann fährt beherzt fort. Er scheit so glücklich zu sein als ob er gerade im Lotto gewonnen hätte! „Du alter Ar…“, denke ich für mich. „Der Steuerzahler bezahlt die ehrenwürdige Firma, damit sie dich für ein halbes Jahr einstellt.“Er lässt eine Liste herumgehen mit diversen Fortbildungsangeboten. Wenn wir uns da was aussuchen steigert das ernorm unsere Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt – meint unser Herr. Ich schaue mir die Liste flüchtig an: Deutsch für Ausländer, Gesund Kochen mit Harz IV – das sind die Kurse um die wir uns schlagen sollen. Übrigens: In vielen Ländern muss die Unterschicht gar nicht kochen, die werden nur gefragt: „Wollen sie heute eine Dose Erbsen oder lieber Bohnensuppe mitnehmen?“

Wir sitzen bis um halb fünf.

10.2.07 21:36


21. Gitter vor den Fenstern

Wenigstens vier Rechner haben wir in unserem Raum hier. Die sind jedoch meistens nicht funktionsfähig, aber zumindest haben die möchtegern Computerspezialisten immer ein Grund zu heftigen Diskussionen, an was es wohl liegen könnte, das dies so ist.

Ansonsten vergeht der Tag wie die zwei vorherigen: Enge, Langeweile. Die Armbanduhren wecken das meiste Interesse. Immer öfter empfinde ich den Drang auf unser Tisch zu springen, mit allen Körperteilen wild um mich zu werfen und laut zu schreien oder einfach aus dem Fenster zu springen! ...Fehlanzeige: Die Fenster in diesem Raum sind vergittert!

„Es ist heute so leer hier!“ stellt unsere Aufseherin beim reinkommen fest.

Ich merke auch, dass die Krankheitsanfälligkeit unserer Gruppe sich zur Zeit drastisch erhöht hat. Das kommt selbstverständlich den Übrigen zu Gute, wir haben mehr Platz und Luft für uns! Da kommt mir sofort ein angenehmer Gedanke in den Sinn: „Wenn es wirklich so weiter gehen sollte lass ich mich auch krankschreiben!“ Ich muss dieses Mobbing doch nicht ewig hier aushalten.

10.2.07 21:35


20. Durch unsere außergewöhnliche Arbeit haben wir uns die Verlängerung unseres Projektes verdient.

Der zweite Tag in unserem Kabuff. Lesen geht nicht, man kann sich nicht konzentrieren. Martina beklagt sich, dass sie mit ihrem Pullover nicht weiterkommt. Beim Stricken stößt sie ständig mit den Armen ihre Sitznachbarn an! Manche haben sich für den Tag vorbereitet, indem sie Rätselhefte oder Zeitungen mitgebracht haben. Ich glaube es ist eine sehr vernünftige Idee sich mit Kreuzworträtsel und Sudokus hier die Zeit zu vertreiben. Die Zeit will aber trotz dem nicht schneller vergehen. Die Tür öffnet sich und die Aufseherin kommt herein. Es sind viele Gesichter voller Hoffnung zu sehen. „Die oberste Chefin des Hauses kommt gleich. Bitte alle arbeitsfremden Sachen wegräumen!“. Es bricht Panik aus. Es wird alles versteckt, was auf den Tischen liegt. Ich lasse demonstrativ mein Sudoku Heft liegen. Die oberste Chefin wollte uns nur für unsere hervorragende Arbeit danken und verkündet uns die frohe Botschaft, dass die Verlängerung unseres Projektes beantragt ist. Aufgrund der Erfolge, die wir hier erzielen, sieht sie kein Grund, warum das hier nicht verlängert werden sollte.

Ich wurde wirklich noch nicht so oft für Sachen gelobt, die ich nicht gemacht habe, wie hier.

Noch eine Frage: Haben wir hier überhaupt schon „nichtarbeitsfremdesachen“ gesehen?

28.1.07 19:05


[erste Seite] [eine Seite zurück]  [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung